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Nachtrag 2O1O
Ausgewählte Kapitel der entomologischen und kulturgeschichtlichen
Aspekte der Lepidoptera
Inhaltsverzeichnis
1. Rückblick auf
unsere Zeit in Oberbayern
4. Schmetterlinge
(Lepidoptera) im ägyptischen und griechischen Altertum

Anna und Hermann Levinson am
Ammersee in Herrsching, Oberbayern.
Photo David Fischer, Berlin.
Frühjahr 2O1O
1. Rückblick auf unsere Zeit in
Oberbayern
Nach
Abschluss der Forschungs- und Lehrtätigkeit am Zoologischen Institut der Johann
Wolfgang von Goethe-Universität in Frankfurt (Main), übersiedelten wir im
Juni 1971 nach Oberbayern in das Max-Planck-Institut
für Verhaltensphysiologie in Seewiesen bei Starnberg, und entsprachen damit
der Einladung des damaligen Institutsdirektors, Herrn Professor Dr. Dietrich
Schneider zu einem längeren Forschungsaufenthalt in der Abteilung für Geruchs- und
Geschmacksphysiologie der Insekten.
Oberbayern gefiel uns von
Anbeginn und wir waren begeistert, in diesem naturschönen Gebiet leben und
forschen zu dürfen. Die attraktivsten Aspekte des Landes beruhen auf seiner
eindrucksvollen Natur- und Kulturschönheit: hier kann jeder Mensch jenseits der
Hektik des alltäglichen Lebens, die Ursprünglichkeit der Natur genießen.
Oberbayern hat auch eine alte Kulturlandschaft, die u.a. herausragende Klöster,
Kirchen, Burgen, Schlösser, bedeutende Städte und stilvolle Dörfer aufweist.
Eindrucksvoll sind daneben die hochaufragenden Alpen (Höhe ~ 272O-2962 m), die einstigen
Gletschertäler und Alpenseen von einmaliger Schönheit, wie der Eibsee, worin
sich die Zugspitze (Höhe ~ 2962
m) spiegelt, der Walchensee, der von schönen Wäldern gesäumt ist, und der
Tegernsee, der malerisch vor dem Alpenrand gelegen ist.
Dieses Land ist so schön, dass
der, dort lebende, Mensch unwillkürlich fromm wird. Hat nicht die natürliche
Frömmigkeit der Oberbayern die zahllosen Barockkirchen erbaut, deren
Ausstattung und Reichtum sogar einen amusischen Mensch zu Bewunderung und
Glauben bringt. Die Wieskirche zu Steingaden, die königliche Leistung des
kirchlichen Rokokos, steht einsam inmitten einer Wiese und ist längst zu einem Heiligtum
und Wallfahrtsort zahlreicher Christen des In-und Auslands geworden.
Möglicherweise ist die
Bevölkerung Oberbayerns (4,3
Mio.) ein Volk eigener Prägung. Die Oberbayern haben ihre eigene Sprache, die
sich von anderen deutschen Mundarten eindrucksvoll unterscheidet.
Während der vier Jahrzehnte, die wir in oberbayerischen
Wohnorten verbringen durften, haben wir uns öfters mit dort ansässigen
Mitbürgern unterhalten und sind bis heute mit mehreren von ihnen kollegial bzw.
freundschaftlich verbunden geblieben. Die, von uns in Oberbayern verbrachte,
Zeit war nicht nur sehr angenehm und schön, sondern auch förderlich für die
Ausführung unserer Forschungsarbeiten. Unsere Lebens- und Forschungszeit in
Oberbayern war eine Bereicherung in humanitärer und intellektueller Sicht und
wird uns noch lange in unvergesslicher Erinnerung bleiben.
In Oberbayern, 1971 – 2O1O
Als das winterliche Wetter im Frühjahr
milder ward,
schmolz der Schnee im Gebirge und ergoss
sich
als rauschende Bäche in die fruchtbaren
Täler.
In warmer und sonniger Sommerzeit
tauchten seltsame Zygänenfalter auf,
rotgepunktet an schwarz glänzenden
Vorderflügeln,
gaukelten sie über die sonnigen
Berghänge,
zuweilen am süßen Nektar der lilaroten Skabiosenblüten
sich labend und stärkend.
Augengleich schön spiegeln die
blaugrünen Seen die hohen Berge.
In diesem lieblichen, von Gott
begnadeten, Land durften wir bleiben:
vier Jahrzehntelang nach Herzenslust nachdenken,
forschen und schaffen.
Tausendfach gedankt sei Bayern für die überreiche Gabe.

Das Glaskästchen zeigt
Käferarten, die im alten Ägypten für göttlich bzw. heilig
gehalten wurden.
Photo
David Fischer, Berlin. Frühjahr 2O1O (ZEIT WISSEN, Heft 4, 2010)
2. Die Widderchen (Zygaenidae,
Rhopalocera, Lepidoptera), ihre Selbsterhaltung und ihr Schutz vor Frassfeinden
Die, in Oberbayern häufig vorkommenden, Widderchen (Zygaenidae) umfassen die blauschwarz
und rot-gemusterten Arten der Zygaeninae
sowie die grünlich-glänzenden Arten der Procridinae.
Die Widderchen sind ebenso sonderbare wie atypische Tagfalter (Rhopalocera), die jedoch zu einer klar
definierten Familie der Ordnung Lepidoptera
gehören. Sie besitzen lange, schmale Vorderflügel und relativ kleine
Hinterflügel sowie zwei längliche und keulenförmige Fühler, die an Widderhörner
erinnern. Die Widderchen verfügen über einen gut ausgebildeten Saugrüssel
(Proboscis), der zur Aufnahme von Blütennektar bzw. anderen pflanzlichen Säften
dient. Die ortstreuen Widderchen fliegen zumeist bei hellem, warmen
Sonnenschein und ruhen sich öfters an blühenden Pflanzen aus. Im Ruhezustand
legen sie ihre Flügel dachartig über den Rücken und ähneln damit rastenden
Nachtfaltern. Interessanterweise besitzen sie keine Tympanalorgane. Wenn man
sie stört, stellen sie sich sofort tot und lassen sich zu Boden fallen
(Thanatosis), wodurch sie sich Gefahren entziehen können. Manche Zygaenenarten
aggregieren in sogenannten „Schlafgesellschaften“, die sich an den Blüten oder
dem Stengel der Esparsetten (Onobrychis spp.)
gegen Abend versammeln.
Die, in Oberbayern häufig
vorkommenden, Zygaena filipendulae und
Zygaena trifolii sind aufgrund ihres
widerwärtigen Geschmacks vor dem Gefressenwerden durch insektivore Vogelarten
weitgehend geschützt. Die, in der Haemolymphe der Widderchen vorhandenen
Cyanoglukoside Linamarin und Lotaustralin sowie das neurotoxische ß-Cyanoalanin verursachen den
phagorepellierenden Geschmack bei insektenfressenden Vogelarten. Die Larven der
Widderchen sind imstande, diese Cyanoglukoside aus den Aminosäuren Valin oder
Isoleucin in vivo zu bilden sowie
mithilfe ihrer Cyanoalanin-Synthetase abzubauen und dabei HCN freizusetzen.
Darauf beruht wohl ihre beträchtliche Resistenz gegen die hochgiftige
Blausäure. Adulte Widderchen sind imstande, die Wirkung gasförmiger Blausäure
langzeitig zu überleben, ohne dabei vergiftet zu werden. Die auffälligen,
aposematischen und erschreckenden schwarz-roten Flügelmuster mancher
Widderchenarten dienen den letzteren als Warnungs- und Erinnerungssignale für
räuberische Tierarten, die beabsichtigen, sie zu fressen. Nach einigen
Frassversuchen werden insektivore Vogelarten auf den Verzehr solch’
übelschmeckender Falter verzichten.

an einer blühenden Skabiose (Scabiosa atropurpurea)
3. Olfaction and
Cyanide Susceptibility in the Six-Spot Burnet Moth Zygaena filipendulae L. and
the Silkmoth Bombyx mori L.
Abbreviated version of an article published in
Journal of comparative Physiology, 86, pgs. 2O9-214 (1973)
Hermann
Levinson, Karl-Ernst Kaissling and Anna Levinson,
Max-Planck-Institut
für Verhaltensphysiologie,D-82319 Seewiesen, Obb.
Abstract
Olfactory receptor potentials and standing potentials of male Zygaena filipendulae and male Bombyx mori were recorded from the antennae of both species, before and after their exposure to gaseous hydrogen cyanide (HCN). Exposure to gaseous HCN for 2 min. caused a transient decrease as well as complete recovery of both potentials in the antennae of Zygaena filipendulae, whereas exposure to gaseous HCN for O.5 min. led to complete disappearance of the olfactory receptor potentials and standing potentials in the antennae of male Bombyx mori. The mechanism of cyanide resistance was discussed.Introduction
Resistance of Zygaena
filipendulae to HCN was mentioned in 1913 by Karl Jordan as a
biochemical peculiarity of burnet moths (Zygaenidae,
Lepidoptera). This toxicant is known to combine with metallo-enzymes and
remove metal ions from the latter, whereby it inhibits various respiratory
enzymes (Mahler and Cordes, 1966). It is remarkable however, that the cyanide
content in Zygaena trifolii or Procris geryon may be as high as ~ 3 µg per
egg and 2OO µg per pupa or burnet moth (Jones et al., 1962). In the above species, cyanide is usually occurring
in bound form.
Since we became interested in cyanide resistance of zygaenid nerve
cells, a study of the influence of gaseous HCN on olfactory receptor cells of
the six-spot burnet moth Zygaena
filipendulae L. as well as the silkmoth Bombyx
mori L. was undertaken.
It was also shown that olfactory receptor potentials (EAG) of silkmoth
antennae can be inhibited by HCN (Schneider, 1957) and other enzyme inhibitors
were shown to modify chemoreception of various insect and mammalian species
(Koyama and Kurihara, 1972).
Materials and Methods
The silkmoths were reared in the laboratory in
Seewiesen, while the burnet moths were caught during July and August in upper
The Antennae of males of both species were amputated
near the scapus and singly suspended for graded periods of time in air
saturated with gaseous HCN. The treated antennae were later subjected to the
determination of standing potentials and olfactory receptor potentials
(Kaissling, 1971). The standing potential is a transepithelial potential
occurring in sensory epithelia of various insect species and seems to be
produced by certain auxiliary cells (Thurm, 197O, 1972).
One of the antennae excised from a specimen was left untreated, while
the other antenna was exposed to gaseous HCN, in order to compare their
subsequent responses to the female sex pheromone bombykol (hexadeca-1O-trans,12-cis-dien-1-ol)
or the floral scent component geraniol (trans-3,7-dimethyl-2,6-octadien-1-ol),
respectively. The latter is known to attract burnet moths. The sex pheromone
and the floral scent served as indicators of olfactory capability.
The electrophysiological equipment for recording potentials used was that employed by Schneider
and coworkers (1957, 1967). The different electrode (glass microcapillary
containing Beadle-Ephrussi's Ringer solution) was pushed through the cuticle at
the base of an olfactory sensillum, while the indifferent electrode was
inserted to the antennal lumen. Graded amounts of either bombykol or geraniol
were suspended in a constant current of air blown for periods of approx.
O.6 sec. on each of the antennae. The olfactory sensilla of control antennae
excised from either Bombyx mori or Zygaena filipendulae responded to the
above scents for three hours at least.
Results and Discussion
Exposure of the antennae to gaseous HCN for 3O sec.
was sufficient to deprive male silkmoths (Bombyx
mori) of their receptor potentials and standing potentials. However,
exposure of the antennae of male burnet moths (Zygaena filipendulae) to gaseous HCN for 1 or 2 min. resulted in a
transient decrease and nearly complete recovery of their previous receptor
potentials and standing potentials.
Relatively moderate receptor potentials and high
standing potentials were maintained in male Zygaena
filipendulae even after antennal exposure for 1O min. to gaseous HCN. From
O.5 to 3 hrs. were required to achieve complete recovery. The olfactory
performance of male Zygaena filipendulae is
thus highly resistant to gaseous hydrogen cyanide, if compared with the respective
capability of Bombyx mori.
The oscilloscript recordings revealed a reversible influence of gaseous
HCN on the olfactory performance of Zygaena
filipendulae. When stimulated by 5O µl of geraniol, the antennal receptor
potential of male Zygaena filipendulae
was ~ 2.4 mV, which declined to ~ 1.5 mV ~ 2 min. following exposure to gaseous
HCN and reached a minimum level of ~ O.5 mV ~ 12 min. after exposure to gaseous
HCN. The antennal receptor potential of male Zygaena filipendulae could be partly restored ~ 1 hr. after
exposure to HCN and was completely restored to its original level ~ 2 hrs.
after exposure to gaseous HCN.
Exposure of zygaenid antennae to gaseous HCN for 2 min. also resulted in
a temporary abolishment of the standing potential. It became evident that the
course of the standing potentials essentially paralleled the course of the
receptor potentials. Both potentials dropped to minimum levels ~ 1O min. after
removal of the antennae from gaseous HCN. The standing potential increased ~ 2O
min. later, reaching a maximum ~ 4O min. after the treatment with HCN. Recovery
of both potentials was then interrupted by a decrease to a second minimum. The
standing potential returned to its initial magnitude ~ 8O min. later, while the
receptor potential recovered ~ 1OO min. after exposure to gaseous HCN.
The reversibility of receptor and standing potentials of zygaenid
antennae following their permeation with a respiratory inhibitor implies the
necessity of continuous oxygen supply for olfactory performance. This was
corroborated by the observation that the standing potential can be readily
suppressed by suspending antennae of either Zygaena
or Bombyx in pure nitrogen and be
successively restored upon replacing the nitrogen by air. Aerobic metabolism is
thus primarily a prerequisite for the maintainance of a standing potential
which by itself appears to ensure normal receptor potentials. A direct
influence of HCN on the cell membrane generating the receptor potential can not
yet be excluded, but seems improbable.
As mentioned above, recovery of zygaenid antennae after HCN-induced
anosmia (2 min. exposure to HCN) started after ~ O.5 hour. On the contrary,
recovery after nitrogen-induced anosmia was immediate. The difference between
the recovery periods may indicate the time required for replenishment of the
respiratory enzymes, in case they are irreversibly blocked by HCN. On the other
hand, HCN could reversibly inhibit respiration and be removed from the site of
action by a hitherto unknown process. In this context it is worth recalling
that the absence of rhodanese in the tissues of zygaenid larvae (Jones et al., 1962) excludes the possibility
of cyanide conversion to thiocyanate. Resistance of zygaenid antennae to HCN
seems to be specific, since brief antennal exposure to denaturant vapours, such
as osmium tetroxide, causes partial but irreversible inhibition of the receptor
potential (Kaissling, unpublished). This unusual kind of tolerance seems to be
connected with cyanide retention in the tissues of burnet moths, which in the
larval stage usually feed on Lotus and
Trifolium leaves comprising the
cyanogenic glucosides Linamarin and Lotaustralin. In the milliped Euryurus leachii, mitochondrial
respiration was found to be cyanide-resistant, probably due to the occurrence
of a resistant terminal oxidase (Hall et
al., 1971), whereas in the milliped Apheloria
corrugata resistance involves formation of alpha-hydroxynitriles and
impermeability of the integument (Eisner and Meinwald, 1966). Intensive
selection of the
The acquisition of cyanide resistance in burnet moths could have
followed intensive selection via the adoption of cyanogenic host plants.
Natural selection seems to have endowed the burnet moths with a less vulnerable
nervous system than the silkmoth and this endurance vigour is certainly
advantageous for survival of the zygaenids.
Zusammenfassung
Geruchliche Wahrnehmung bei Sechsfleck-Widderchen (Zygaena filipendulae Linné) und Maulbeerseidenspinnern (Bombyx mori Linné) nach erfolgter Blausäurevergiftung. Die Bestandspotentiale und olfaktorischen Rezeptorpotentiale der Antennen männlicher Zygaena filipendulae sowie männlicher Bombyx mori wurden vor und nach der Behandlung mit gasförmigem Hydrogencyanid (HCN) gemessen. Zwei Minuten-dauernde Einwirkung von HCN auf die Antennen männlicher Zygaena filipendulae bewirkte eine reversible Unterdrückung und vollständige Erholung von der Vergiftung, wogegen eine O.5-minütige Behandlung der Antennen männlicher Bombyx mori mit HCN, zum Erlöschen der beiden og. Potentiale führte. Der Wirkungsmechanismus der beobachteten Resistenz gegen HCN bei Sechsfleck-Widderchen (Zygaena filipendulae L.) sowie anderen Gliederfüsserarten arten wurde diskutiert.Acknowledgements
We thank Dr. Ernst Priesner for useful hints
concerning regional biotopes of Zygaena
filipendulae, Miss Ilse Block for experimental help, Dr. Ulrich Thurm and
Dr. Ruxton Villet for helpful criticism and the Stiftung Volkswagenwerk for
financial support.
References
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Meinwald, J.: Defensive secretions of Arthropods. Science (N.Y.) 153, 1341-135O (1966)
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Yust, H. R., Shelden, F. E.: A study
of the physiology of resistance to hydrocyanic acid in the
4. Schmetterlinge (Lepidoptera) im ägyptischen
und griechischen Altertum
„ ... Schönes sehen und sich von Herzen erfreuen an der Stätte des ewigen Lebens ...“
[ Spruch im
Grab des Schreibers Neb-Amun in Theben ~ 135O v. Chr ].
1. Tagfalter und Bewohner des alten Ägypten
Aufgrund ihrer anmutigen Erscheinung, des schlanken
Rumpfes, der beiden farbenprächtigen
Vorder- und Hinterfügel und vielleicht auch wegen der seinerzeit noch
rätselhaften Metamorphose der ausgewachsenen Raupe über die scheinbar tote Puppe zum formvollendeten und
fortpflanzungsfähigen Falter, müssen die Tagfalter (Rhopalocera) den eifrig
naturbeobachtenden Bewohnern des alten Ägypten (ägypt. remetsch en kemet) wiederholt aufgefallen sein.
Es ist jedoch bemerkenswert, dass die Tagfalterfauna Ägyptens auf
eine vergleichsweise geringe Anzahl von Arten beschränkt
ist (LARSEN 199O). Die geringe Artenanzahl ist nicht weiter
erstaunlich, wenn man bedenkt, dass Ägypten zu ~ 95 % aus einem großen
Trockengebiet, und zwar der westlichen
(libyschen) Wüste und der östlichen (arabischen) Wüste und nur zu ~ 5 % aus
einem fruchtbaren Feuchtgebiet bestand, nämlich aus dem Nildelta, dem
Niltal und den Oasen Bahariya, Dachla, Charga, Farafra, Fayum und Siwa.
Manche Tagfalterarten wurden in
den, zumeist mit Cyperus papyrus, Phragmites
communis, Potamogeton crispus, Nymphea lotus bzw. Nymphea coerulea bewachsenen Sumpfdickichten im Niltal (ägypt. schemau) des öfteren abgebildet.
Allerdings wurden die Falter von den Malern nicht immer naturgetreu, sondern mehr oder minder stilisiert dargestellt, so dass
eine taxonomische Zuordnung dieser Schmetterlinge meist schwer und nur in
einigen Fällen möglich war. Schon zu Beginn
des alten Reiches (~ 2686 – 2494 v.Chr.) verewigten ägyptische Künstler diese
prachtvollen Flügelwesen in ihren Werken, Gemälden und Schmuckstücken.
Im alten Ägypten galten die
Schmetterlinge weder als numinos noch als heilig,
vielmehr sah man in ihnen fliegende
Naturschönheiten, die einzig zu ihrem Selbstzweck erschaffen waren.
Der Wortschatz der dynastischen Zeit Ägyptens (HANNIG & VOMBERG 1998) kannte auch keinen eigenen Namen für
Tagfalter (Rhopalocera) bzw. Schmetterlinge (Lepidoptera), während andere und weniger ästhetisch aussehende Insektentaxa, einschließlich
der Flöhe (Pulicidae, Siphonaptera),
Gottesanbeterinnen (Mantidae, Orthoptera), Honigbienen (Apidae, Hymenoptera), Kopfläuse
(Pediculidae, Phtiraptera),
Stechmücken (Culicidae, Nematocera),
Fliegen (Muscidae, Brachycera),
Wanderheuschrecken (Acrididae, Caelifera)
und Skarabäuskäfer (Scarabaeidae,
Lamellicornia) mit eindeutigen ägyptischen Namen bezeichnet wurden (LEVINSON & LEVINSON 2OO5).
Die
Namenlosigkeit der Lepidoptera mag wohl daran liegen, dass die
Schmetterlinge im alten Ägypten (ägypt. kemet)
nicht als eine eigenständige Tiergruppe,
sondern mit den Vögeln (Aves) und
den Fledermäusen (Chiroptera)
als „Tiere des Luftraums“ (ägypt. jedu,
jerchennet) nominal aufgefasst wurden.
2. Monarchfalter des Grabgemäldes von Fürst Chnumhotep II in Beni Hassan
Ein ansehnliches Gemälde, das eine Jagdszene im Papyrusdickicht
darstellt, befindet
sich an der Ostwand des Felsengrabes im mittelägyptischen Beni Hassan. Es ist das Grab von Fürst Chnumhotep II (~ 1913 – 1894 v. Chr.), der während der
ersten Hälfte der XII. Dynastie in dem oberägyptischen Gazellengau (ägypt. ma-hedsch) regierte (SHEDID 1994).
An diesem
Gemälde sind drei afrikanische Monarchfalter der Art Danaus chrysippus Linné 1758
(Danainae, Nymphalidae) mit
geöffneten Flügeln stilisiert dargestellt (Abb. 1c-e,
KEIMER 1934). Im Vergleich zu den natürlichen Monarchfaltern (Abb. 1a, b), weisen die Flügelmuster der
gemalten Monarchfalter kleinere Änderungen auf Abb. 1c,d,e). Die
abgebildeten Monarchfalter (Abb. 1c,e)
entsprechen dem Typus chrysippus chrysippus (Abb. 1a),
während das Exemplar mit den helleren Hinterfügeln (Abb. 1d) dem Typus chrysippus var. alcippus entsprechen
würde (Abb. 1b,
ALFIERI in KEIMER 1934, LARSEN
199O). Höchstwahrscheinlich sind die drei
gemalten Monarchfalter (Abb. 1c,d,e) männlichen
Geschlechts, da an ihrem Abdominalende
die pheromonübertragenden Haarpinsel (Coremata)
der artgleichen Männchen angedeutet sind (BOPPRÉ et al. 1978).
Erstaunlicherweise hat der Maler
die Hinterflügel der Monarchfalter mit dem Vorderbeinskelett
(Abb. 1c) und dem Hinterbeinskelett (Abb. 1d) einer Fledermaus (Chiroptera)
ausgestattet. Diese Skelettteile dienen den Fledermäusen in der Regel zur
Aufspannung ihrer Flugmembranen. Wie bereits erwähnt, wurden im alten Ägypten Fledermäuse und Vögel mit den
Schmetterlingen als eine einheitliche Tiergruppe, die den Luftraum
bevölkert, aufgefasst.
3. Monarchfalter im Grabgemälde des Schreibers Neb-Amun in Dra Abu el-Naga
Ein relativ gut erhaltenes Gemälde im Ausmaß von ~ 98 x
83 cm (~ 135O v.Chr.), das
eine Jagdszene im Sumpfdickicht darstellt, wurde in der Grabkapelle des amtlichen Schreibers und Kornzählers Neb-
Amunin der Nekropole Dra Abu el-Naga (Grab TT
146 in Westtheben) um 182O entdeckt und ist gegenwärtig im Britischen Museum zu
London ausgestellt. Das Gemälde (British Museum EA 37977) zeigt den Grabherrn Neb-Amun mit dem Wurfholz, seine Frau, seine Tochter, eine Falbkatze und
eine Nilgans in einem Paddelboot (Abb. 2).
Neben
einigen Vogelarten (einschließlich Maskenwürger, Seidenreiher, Spießente und
Zwergdommel) sieht man sieben fliegende wie ruhende und artgleiche Tagfalter (Abb. 2), deren Identität von
Torben Larsen als die des afrikanischen
Monarchfalters Danaus chrysippus Linné
1758 (Danainae, Nymphalidae) nachgewiesen wurde (LARSEN 1977, 199O). Die
Körperoberfläche der abgebildeten afrikanischen
Monarchfalter ist schwarz und mit weißen Tüpfeln gesprenkelt (Abb.3). Zwei
der abgebildeten Danaus chrysippus sind
sicher männlichen Geschlechts, da sie
an der Unterseite ihrer Hinterflügel je einen schwarzrandigen Duftschuppenfleck
(androconial pocket, BOPPRÈ et al. 1978) aufweisen (LARSEN 1977).

Abb. 1a -
e. Afrikanische Monarchfalter (Danaus chrysippus Linné 1758) in dem
Grabgemälde des Fürsten Chnumhotep II (~ 1913 -1894 v.Chr.) in Beni Hassan.
a) männlicher Danaus
chrysippus chrysippus : Flügeloberseite lederbraun, an der
Vorderflügelbasis dunkler, Apex der Vorderflügel schwarz mit weißen Flecken,
Saum der Hinterflügel schwarz mit weißen Tüpfeln, ein großer schwarzer
Duftschuppenfleck an Ader 2 der Hinterflügel, Kopf und Brust schwarz mit
zahlreichen, weißen Tüpfeln (hier nicht sichtbar).
b) männlicher Danaus
chrysippus var. alcippus mit
bedeutend helleren Hinterflügeln als (a).
Flügelspannweite von (a) und (b) 7-8 cm.
c,d,e) stilisiert gemalte Monarchfalter des Grabgemäldes des
Fürsten Chnumhotep II (nach KEIMER 1934).
c,e) männliche Danaus
chrysippus chrysippus mit bräunlichen Hinterflügeln und angedeuteten
Haarpinseln (Coremata) am Hinterleibsende.
d) männlicher Danaus
chrysippus var.alcippus mit
gelblichen Hinterflügeln und angedeuteten Haarpinseln (Coremata) am
Hinterleibsende (ALFIERI in KEIMER 1934).
c,d) die Monarchfalter wurden mit den Vorderbein - bzw.
Hinterbeinskeletten einer Fledermaus (Chiroptera)
an ihren Hinterflügeln gemalt. Weitere Einzelheiten siehe Kap. 2.

Ein relativ gut erhaltenes Gemälde (~ 98 x 83 cm), ursprünglich in Neb-Amun’s Grab (TT 146 in Dra Abu el-Naga, Westtheben), zeigt neben dem Grabherrn, seiner Gemahlin und Tochter, eine Nilgans, eine jagende Falbkatze, Papyrus - und Lotuspflanzen, mehrere Vogelarten und Fische sowie sieben afrikanische Monarchfalter (Danaus chrysippus Linné 1758), die von LARSEN identifiziert wurden (LARSEN 1977, 199O). Weitere Einzelheiten siehe Kap. 3.

Neben einigen Papyrus - und
Lotuspflanzen, einer Nilgans, einigen Vogelarten und einer jagenden Falbkatze
(nach MALEK 1993), sieht man vier afrikanische Monarchfalter (Danaus chrysippus Linné 1758), die
besonders aufgrund ihrer bräunlichen Flügelfarbe und weißen Tüpfeln auf dem
schwarzen Hintergrund ihres Körpers auffallen. Die schwarzen Farbanteile der
Flügel (Abb. 1a) sind im Laufe der vergangenen Zeit nahezu verblasst.
Gegenwärtig ist der afrikanische
Monarchfalter als der häufigste und schönste
Tagfalter Ägyptens anerkannt (LARSEN 1994) und das dürfte wohl ebenso zu Lebenszeiten des Fürsten Chnumhotep II und des
Beamten Neb-Amun gewesen sein.
Die von
diversen Fressfeinden (einschließlich Vögel, Fledermäuse, Ratten und Mäuse)
häufig bedrohten Raupen und Imagines von Danaus
chrysippus sind mit hilfe fraßabwehrender Stoffe (pflanzlichen Ursprungs)
mehr oder minder geschützt. Die Raupen des Monarchfalters ernähren sich an den
Blättern der Apocynaceae, Asclepiadaceae Moraceae und speichern dabei deren giftige Cardenolide in ihrem
Körper, während die fortpflanzungsbereiten Monarchfalter überdies die giftigen
Pyrrolizidinalkaloide aus vertrockneten Geweben der Asteraceae, Boraginaceae bzw. Leguminosae
aufnehmen können (EDGAR, BOPPRÉ
& SCHNEIDER 1979, ALONSO-MEJIA
& BROWER 1994). Die auffällige
Warnfärbung zusammen mit der gustatorischen Ungenießbarkeit der
afrikanischen Monarchfalter bewirkten schließlich, dass diese Tagfalter von
insektivoren Vögeln und anderen Tierarten kaum verzehrt werden können.
4. Schmuckstücke in Form von Schmetterlingen
Eine
der frühesten künstlerischen Darstellungen von Schmetterlingen stammt aus dem Grab G 7OOO X der Königin HETEPHERES (Gemahlin des Pharao
SNOFRU, ~ 2613 – 2589 v.Chr.) in Giza
(Unterägypten) und besteht aus zwanzig silbernen Armspangen (Diam. ~ 1O cm), die mit vier Intarsien je Armspange
versehen sind. Die Intarsien sind
kunstvolle Schmetterlingsnachbildungen aus geschliffenem Karneol, Lapislazuli und Türkis (Abb. 4, ALDRED 198O). Höchstwahrscheinlich wurden diese prächtigen
Kleinodien während der Zeit der IV. Dynastie (~ 2613 – 2494 v.Chr) hergestellt, in einem vergoldeten Holzkästchen im
Grab der Königin HETEPHERES
aufbewahrt und sind gegenwärtig im Museum of Fine Arts (Boston, USA)
ausgestellt.

Vier Schmetterlingsintarsien befanden sich an jeder der aufbewahrten zwanzig silbernen Armspangen der Königin HETEPHERES (Gemahlin des Königs SNOFRU, ~ 2613-2589 v.Chr.) in ihrem Grab zu Giza (Unterägypten). Die Schmetterlingsimitationen stammen aus der Zeit der vierten Dynastie (~ 2613-2494 v.Chr.) und zählen höchstwahrscheinlich zu den frühesten künstlerischen Schmetterlingsdarstellungen, die es im alten Ägypten gab.
Eine andere aus Goldblech, dünnem Golddraht und
Goldkügelchen hergestellte und
formgetreue Nachbildung eines Tagfalters (Flügelspannweite ~ 2,7 cm), die an einer dünnen Goldkette hängt (Abb. 5),
wurde im Sarg der Prinzessin Chnumet Tochter des Königs AMENEMHET II (~ 1922 – 1878 v.Chr.), in der Nekropole Dachschur (Unterägypten) entdeckt. Das aus der Zeit der
XII. Dynastie (~ 1985 – 1795 v.Chr.) stammende Juwel wurde entsprechend der
minoischen Goldschmiedekunst angefertigt und ist zur Zeit im ägyptischen Museum
in Kairo zu sehen (ALDRED 198O).

Die
Tagfalternachbildung, die aus dünnem Goldblech, Golddraht und Goldkügelchen in
minoischer Manier angefertigt war, wurde im Sarg der Prinzessin Chnumet
(Tochter des Königs AMENEMHET II, ~ 1922 - 1878 v.Chr.) in der Nekropole
Dachschur (Unterägypten) entdeckt und ist zur Zeit im Ägyptischen Museum von
Kairo zu sehen (ALDRED 198O).
Die Nachbildung eines aus hellblauem Steingut (Keramik) geschnittenen und erheblich stilisierten Falters (Flügelspannweite ~ 3 cm) wurde ebenfalls aus einem Grab der XII. Dynastie in Fayum (Unterägypten) geborgen. Das grob ausgeführte und plump wirkende Schmuckstück hatte zwei Perforationen zum Einfädeln einer Schnur oder Kette und war vermutlich weder ein königliches noch ein fürstliches Juwel (Abb. 6).
Abb. 6. Stilisierte Nachbildung eines Tagfalters aus hellblauem Steingut.
Die
grobe Nachbildung eines Tagfalters aus hellblauer Keramik (Flügelspannweite ~ 3
cm) wurde aus einem Grab der XII. Dynastie (~ 1985- 1795 v.Chr.) in Fayum
(Unterägypten) geborgen. Sie besaß zwei Perforationen zum Einfädeln einer
Schnur oder Kette und war weder ein königliches noch ein fürstliches Juwel.
Es mag interessant sein, die Anzahl
der Schmuckstücke in Schmetterlingsform mit der Menge der Schmuckstücke in
Käferform zu vergleichen. Die verhältnismäßig kleine Anzahl der ersteren,
verglichen mit der weitaus größeren Anzahl der letzteren, beruht wahrscheinlich auf der
sakralen bzw. numinosen Bedeutung mehrerer Arten
der Elateridae, Scarabaeidae und Tenebrionidae
(LEVINSON & LEVINSON 2OO1), während
die Arten der Lepidoptera im alten
Ägypten für profan gehalten wurden. Besonders
auffällig ist auch die geringe Anzahl von Amuletten in Schmetterlingsform, wogegen die Anzahl der Käferamulette im alten
Ägypten unermesslich groß war.
5. Nachtfalter und Tagfalter als Erscheinungsformen der Seele im griechischen Altertum
Die Nachtfalter (Heterocera)
bilden zusammen mit den Tagfaltern (Rhopalocera)
und den – ihnen zugeordneten – Dickkopffaltern (Hesperiidae) die ~ 165.OOO Arten bzw. die 127
Familien umfassende Ordnung der Schmetterlinge (Lepidoptera), deren auffälligste Merkmale ein spiralig auf- und einrollbarer
Saugrüssel (modifzierte Galeae) sowie paarige Vorder- und Hinterflügel, die von
zahlreichen Schuppen (Träger der Pigment- und Strukturfarben) dachziegelartig
bedeckt sind. Die Nachtfalter fliegen
vorwiegend in den Abend- und Nachtstunden, während sie im Ruhezustand
ihre Flügel entweder giebeldachartig oder flach über ihren Rücken lagern. Andererseits fliegen die Tagfalter nur
tagsüber und vorwiegend im hellen und
warmen Sonnenschein, während sie ihre Flügel im Ruhezustand zusammenklappen
und senkrecht über ihrem dorsalen Thorax aufrichten.
Seit mykenischer Zeit (~ 158O – 1O75 v.Chr.) galten
verschiedenartige Nachtfalter
als Verkörperung der menschlichen Seele und deren Unvergänglichkeit
(griech. psyche), wogegen bestimmte
Tagfalterarten die gleiche Bedeutung erst während hellenistischer Zeit (336 –
3O v.Chr.) erhielten. Heute noch bezeichnet die Systematik der Lepidoptera eine
bestimmte Nachtfalterfamilie als Psychidae
(= Sackträger), die man sich im alten Griechenland als Seelen der verstorbenen Menschen vorgestellt hatte (MICHELS 2OO2). Das
altgriechische Wort „ phallaina “ bedeutete soviel wie einen elliptischen und
geschwollenen Körper, dessen Brustabschnitt beiderseits mit einem Flügelpaar versehen war (Abb. 7). Wahrscheinlich wurde der altgriechische
Name phallaina von dem Anblick eines
aufgerichteten männlichen Gliedes (griech. phallos) abgeleitet (IMMISCH 1915).
Kunstvolle Schmetterlingsdarstellungen, die die
menschliche Seele verkörpern sollten, gab es bereits in minoischer Zeit (~ 28OO – 145O
v.Chr.). Im Palast des sagenhaften Königs und Totenrichters MINOS in Knossos (~ 5 km
südlich von Heraklion, Kreta)
fand man ein großes, farbiges Wandbild, das die Asphodeloswiese, nämlich
die Wohnstätte der abgeschiedenen Seelen des
Unterweltgottes HADES zeigt. In
dieser, von mythischen Asphodelen bewachsenen, Wiese ist ein kleiner, stilisierter „Seelenfalter“, der die
Fruchtbarkeitsgöttin umflattert, zu sehen (Abb. 8,
EVANS 1921–1936).
Rundliche
Goldblätter mit je einer geprägten Nachtfalterdarstellung, die als Sinnbilder
der menschlichen Psyche galten, gab es auch in mykenischer Zeit (~ 158O – 1O75 v.Chr.). Die geprägten Goldblätter
(Abb. 7) wurden zu Hunderten an einigen Frauenleichen, die im dritten Schachtgrab
der Burg Mykenae (Gräberfeld A) beigesetzt
waren, gefunden (SCHLIEMANN 1878) und sind gegenwärtig im archäologischen Nationalmuseum zu Athen aufbewahrt. Die
goldenen Prägebilder zeigen je einen
dickleibigen Nachtfalter mit zwei fadenförmigen – teils eingerollten – Fühlern
am Vorderkopf, je einem Flügelpaar beiderseits des Brustabschnittes sowie einen
mehrfach gekerbten und elliptischen
Hinterleib. Die Vorderflügel sind in zwei und die Hinterflügel in drei
Teile geschieden (Abb. 7).
Abb.
7. Ein rundes Goldblatt mit dem
Prägebild eines beträchtlich stilisierten Nachtfalters (Archäologisches
Nationalmuseum Athen, Inventar Nr.4).
Das
Prägebild (Durchm. ~ 6,5 cm) zeigt einen stilisierten Nachtfalter, der am Kopf
zwei - teils eingerollte - Fühler und beiderseits der Brust je ein Paar Vorder-
und Hinterflügel trägt sowie einen segmentierten und nahezu elliptischen
Hinterleib aufweist. Die Vorderflügel sind in zwei und die Hinterflügel in drei
Abschnitte getrennt. Der stilisierte Nachtfalter ist dem, in Griechenland
häufig vorkommenden, Federgeistchen (Pterophorus pentadactylus, Pterophoridae) bemerkenswert ähnlich
(vgl. Abb. 9). Hunderte dieser goldenen Prägebilder wurden an drei weiblichen
Verstorbenen in einem Schachtgrab der Burg Mykenae (Gräberfeld A) auf der
Halbinsel Peloponnes gefunden (SCHLIEMANN 1878).

Abb. 8. Wandgemälde im neuen Palast des
Königs MINOS (~ 16OO – 14OO v.Chr.) zu Knossos (Kreta).
Das
prachtvolle Freskenbild im Südtrakt des Palastes zeigt die - von mythischen und
langstieligen Asphodelen (Liliengewächse) bewachsene - Wiese der abgeschiedenen Seelen mit einem kleinen, stilisierten
„Seelenfalter“, der die Fruchtbarkeitsgöttin umgaukelt (EVANS 1921-1936).
Die Nachbildung (Abb. 7) galt in mykenischer Zeit als Sinnbild der unsterblichen
Psyche und weist eine bemerkenswerte Ähnlichkeit mit dem Federgeistchen (Pterophorus pentadactylus LINNÉ 1758, Pterophoridae) auf (Abb. 9). Das zierliche, lang - und dünnbeinige
Federgeistchen Pterophorus pentadactylus
hat einen glänzend weißen Körper, dessen Vorderflügel in zwei und Hinterflügel
in drei federartig zerfranste Lappen vom Flügelrand her aufgespalten sind (Abb. 9). In Ruhestellung sind die Flügel des
Federgeistchens waagrecht ausgestreckt und weisen eine Flügelspannweite von 2,6
- 3,4 cm auf. Tagsüber ruhen diese Nachtfalter an niedrigem Pflanzenwuchs,
fliegen nach Einbruch der Dunkelheit kurze Entfernungen und werden nachts
häufig an Lichtquellen gelockt (HANNEMANN 1977, GERSTMEIER 2OOO). Der Name Federgeistchen ist gewiss treffend
gewählt, denn die zierlichen und bizarren Nachtfalter mit ihrem langsamen und
schwerfälligen Flug erinnern an seelenhafte Wesen aus längst vergangener Zeit.

Abb. 9. Ein ruhendes Federgeistchen (Pterophorus pentadactylus Linné 1758)
mit waagrecht geöffneten Flügeln als Vorbild für die Ikone eines mykenischen
Seelenfalters.
Mit
ihren - in zwei federartig zerfransten Streifen - aufgespaltenen Vorderflügeln
und den - in drei federartig zerfransten Streifen - unterteilten Hinterflügeln
sind die schneeweißen, lang - und dünnbeinigen Federgeistchen (Pterophorus
pentadactylus Linné 1758) bizarr und zart wirkende Nachfalter. Tagsüber
ruhen sie mit rechtwinkelig vom Körper abgespreizten Flügeln (Spannweite
2,6-3,4 cm) an Büschen und Hecken. Nach Einbruch der Dunkelheit fliegen sie
langsam über kurze Strecken und lassen sich gern in der Nähe von Lichtquellen
nieder. In mykenischer Zeit (~ 158O-1O75 v.Chr.) dienten die Federgeistchen als „ Sinnbilder der
Seelen “, die in den zuvor gezeigten Goldblättern (vgl. Abb. 7) verewigt wurden
(Photo: Marianne Müller, ZSM).
6. Epilog
In
postantiker Zeit war der altgriechische Seelenglaube nicht etwa spurlos verschwunden. Im Laufe der Renaissance hatte die
christliche Tradition die Idee der sukzessiven
Entwicklungsstadien eines Schmetterlings als Sinnbilder des Menschenlebens, des Sterbens und der Auferstehung nach dem Tode
übernommen.
Einen der frühesten Belege für
diese Vorstellung findet man in dem zehnten
Gesang des Purgatorio in der „ Divina Commedia “, die zwischen 13O8 und
1321 von dem italienischen Dichter und
Philosoph DANTE ALIGHIERI verfasst wurde. Darin wird der „sündhafte Mensch“ mit einer wurmähnlichen und fraßgierigen
Raupe verglichen („ si come verme in cui formazion falla “),
die einzig dazu erschaffen war, um sich in einen geläuterten Engelsfalter zu
verwandeln („ nati a formar l’angelica farfalla “). Die bewundernswerte Metamorphose
der ausgewachsenen Raupe in eine scheinbar starre Puppe und deren letztendliche
Verwandlung in einen formvollendeten Schmetterling dürften vorwiegend zu dieser
Symbolik beigetragen haben. Die eifrig
fressende Raupe wurde mit einem, um das Überleben kämpfenden Menschen,
die fastende Puppe mit einem sterbenden Mensch und der, aus der Puppe
geschlüpfte Schmetterling, wurde mit der reinen, den Körper des Verstorbenen
verlassenden, Seele gleichgesetzt.
Die abendländische Literatur des neunzehnten und zwanzigsten
Jahrhunderts beinhaltet zahlreiche Gedichte und Erzählungen, die die
sinnverwandte Bedeutung der Seele und des Schmetterlings besonders hervorheben
(JENNY–EBELING 2OOO). Ein diesbezügliches Gedicht aus dem "Kleinen
Schmetterlingsbuch" von HUEBNER und
SCHNACK (1934) möge diese Abhandlung beschließen:
"Auf rosigem Reis / ruht ein Schmetterling weiss / sommerallein / wessen Geist mag es sein ? ".
7. Philologische und historiographische Anmerkungen
In der vorliegenden Abhandlung
sind sämtliche altägyptischen, altgriechischen und anderen altsprachlichen Wörter in lateinischer Schreibweise
wiedergegeben. Die hieroglyphischen Wörter sind in Übereinstimmung mit
dem „Grossen Handwörterbuch Ägyptisch -
Deutsch / Die Sprache der Pharaonen 28OO – 95O v. Chr.“ von R. HANNIG (1995) sowie dem „Wortschatz der
Pharaonen in Sachgruppen“ von R.
HANNIG & P. VOMBERG (1998). Die altgriechischen Ausdrücke einschließlich
ihrer Übersetzung ins Deutsche
entsprechen den Lexika von H. MENGE & O. GÜTHLING (19O3), W.H. ROSCHER (1884 – 1937) sowie H. LAMER
& P. KROH (1989). Die angeführten Jahreszahlen
beruhen auf den Angaben des „British Museum Dictionary of Ancient Egypt“
von I. SHAW & P. NICHOLSON (1996).
Danksagungen
Herr Dr.
Jeffrey Spencer, Deputy Keeper, Department of Ancient Egypt and Sudan, The
British Museum in London, hat uns freundlicherweise auf das antike Gemälde EA 37977
aus dem Grab des amtlichen Schreibers und Kornzählers Neb-Amun hingewiesen und damit dessen
Wiedergabe ermöglicht, wofür wir ihm aufs herzlichste
danken. Ebenfalls danken wir Frau Dr. Rosa Proskynitopoulou, Vizedirektorin des Archäologischen Nationalmuseums in Athen, für
die Erlaubnis zur Reproduktion der Abbildung des goldenen Seelenfalters von
Mykenae. Herrn Dr. Andreas Segerer, Kurator der Sektion Mikrolepidoptera
an der Zoologischen Staatssammlung München, danken wir für die freundliche
Überlassung einiger Exemplare von Pterophorus pentadactylus aus Griechenland. Frau Marianne Müller,
Zoologische Staatssammlung München,
hat freundlicherweise die Photographie eines Federgeistchens in situ
hergestellt, wofür wir ihr herzlich danken.
Für die Bereitstellung schwer
zugänglicher Literatur danken wir Herrn Andreas
Hutterer, M.A., Institut für Ägyptologie der LMU in München sowie Herrn
Alexander Krikellis, M.A., Max-Planck-Institut für Ornithologie in Seewiesen.
Frau Cristina Antonia Cândea, M.Sc., aus der Gruppe Humanethologie der
MPG in Andechs, gebührt besonderer Dank für die wörtliche Übersetzung
diffiziler Texte aus dem Französischen.
Herr Dr. Theo Weber,
Max-Planck-Institut für Ornithologie in Seewiesen, hat sämtliche Abbildungen dieses Beitrags publikationsgerecht hergestellt,
wofür wir ihm aufs herzlichste danken.
Weiterführende Literatur
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Juwelen der dynastischen Zeit. Schuler Verlagsgesellschaft,
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Darmstadt (Nachdruck 1964).
5. Ausklang
Der Nachtrag
für das Jahr 2O1O behandelt entomologische und kulturgeschichtliche Aspekte der
Schmetterlinge (Lepidoptera),
insbesondere der Monarchfalter (Danainae),
Widderchen (Zygaeninae) und
Federmotten (Pterophoridae).
Zweifellos zählt Danaus
chrysippus ( Danainae) zu
den schönsten Schmetterlingsarten Ägyptens, ist Zygaena filipendulae (Zygaeninae) die giftigste und
aposematisch wirksamste Schmetterlingsart Oberbayerns und diente Pterophorus pentadactylus (Pterophoridae) als Vorbild für die
künstlerische Herstellung einer Seelenikone bei den antiken Mykaenern.
Schließlich
lebt ein Schmetterling einzig, um sich zu paaren und seine Art fortzupflanzen.
Dazu ist der verhältnismäßig kurzlebige Schuppenflügler mit einem großen und
farbenprächtigen Vorder- und Hinterflügelpaar ausgestattet und kann ein Geschlecht
das andere mithilfe seines Sexualpheromons geruchlich anlocken. Ist ein
Männchen mit einem gleichartigen Weibchen vereint, kommt es zu der angestrebten
Begattung und späteren Eiablage an der Futterpflanze, die zur Ernährung der,
aus den Eiern schlüpfenden, Räupchen vorgesehen ist.

Paarung eines männlichen Monarchfalters
Danaus chrysippus Linné (oben) mit
einem artgleichen Weibchen (unten).
Man beachte den weiß gesprenkelten,
schwarzen Thorax sowie den vhm. großen, schwarz umrandeten Duftschuppenfleck
(androconial pocket) an Hinterflügelader zwei des Männchens (Wikipedia 2O1O).